eigene prosa

Nullsiebenfünfbee tritt vor die Tür. Helligkeit schlägt ihm mit solcher Gewalt ins Gesicht, dass er in den Bunker zurücktaumelt.

Sollte es nun wieder losgehen? Sollten sie wiederkommen, die Stürme, die Wolken aus gefrorenem Wahnsinn, die blinden Ungetüme, Glut, Eis Fluten oder das Eingeweide zerreißende Dröhnen der Elemente ?

Ein Stoß Verzweiflung kommt in ihm hoch, von dem er nicht weiß, ob er aus seinen alten Ängsten stammt, oder ob die Luft wieder voll von Giften ist, die seinen Geist verwirren. Es scheint, als wären die Schleier von Nebel, Staub und Dunst verschwunden, die, solange er denken kann, die Erdoberfläche vom direkten Sonnenlicht abschirmten. Obwohl er solches Licht nie erlebt hat, ist doch offenbar die Toleranzschwelle der Alarmanlagen nicht überschritten.

Wie immer bei ungewöhnlichen Ereignissen verbindet er sich mit dem zentralen Denker der Siedlung. „Außenwelt zu hell, was ist los ?“ fragt er. „Götter haben atmosphärische Schwebestoffe beseitigt – Untersuchungsabschluss in drei Stunden – Sondermeldung ist in Vorbereitung“ kommt es zurück.

Er weiß nicht, was er davon halten soll und schlägt den Weg zu den großen Promenaden ein, um Freunde zu suchen.

Bald trifft er auf Dreisiebenfünfzett. „Denk dir, oh Liebe,“ spricht er sie an, „im Freien draußen glutet mir ein Licht in meine Augen, die schreien Schmerz und scharfe Ängste längst vergangner Tage schneiden ein in alle Sinne.“ Dreisiebenfünfzett nimmt ihn in die Arme. So fühlt er sich gleich besser. Zusammen gehen sie zum nächsten Gemeinschaftsraum. Es sind ungewöhnlich viele Gruppen da.Wenige sind mit den Geschicklichkeits- oder erotischen Spielen beschäftigt, kaum einer ist an die Unterhaltungsprogramme angeschlossen.

Nullsiebenfünfbee erfährt, dass seine Neuigkeit, die er gerade verbreiten wollte, schon allgemeines Gesprächsthema ist. Sie setzen sich zu einer kleineren Gruppe, und Fünfneundreizett, der Nullsiebenfünfbee und Driesiebenfünfzett kennt, erzählt ihnen kurz, wovon die Rede ist.

Die meisten, die vor die Tore gehen wollten, waren vor der Helligkeit entsetzt zurückgewichen. Ein paar Furchtlose oder Lebensmüde, von denen es in dieser Zeit ja genug gab, hatten mit zusammengekniffenen Augen versucht zu erforschen, welcher Art und von welchem Umfang die plötzlichen Veränderungen der Außenwelt wären. Mit Erstaunen bemerkten sie, daß sie sich nach relativ kurzer Zeit an die zunächst überwältigende Helligkeit gewöhnten, und ein Gefühl euphorischer Freude überkam viele, ohne dass sie dafür einen Grund gewusst hätten. Bald nahmen sie noch andere Veränderungen der gewohnten Umwelt wahr. In regelmä-

ßigen Abständen von vielleicht zwanzig Schritt waren Teile des Erdbodens aufgerissen und befeuchtet worden. An einigen Stellen befanden sich Schilder mit der Aufschrift : „An alle Menschen und die ihnen ähnlich sind. Schützt diese Anlagen! Der Tod trifft jeden Schädling gleich!“

Das ist alles, was bisher bekannt ist. Man wartet gespannt auf die Analyse des Siedlungsrechners.

Es kommt jedoch nicht mehr dazu, denn vorher tritt jenes Ereignis ein, welches man in den folgenden Jahrtausenden immer als die Offenbarung bezeichnen wird, deren Wortlaut jedem Kind schon vorgesagt und deren Jahrestag immer festlicher begangen werden wird. Verschiedene Schulen entstehen, die sich mit der Ausdeutung der großen Erklärung befassen, deren Sprache von Jahrhundert zu Jahrhundert altertümlicher scheint. Plötzlich befinden sich sämtliche Menschen und alles, was im Laufe der Zeit an ihnen verwandten Arten und Rassen geschaffen worden war, gemeinsam in einer ihnen völlig unbekannten Umgebung. Nachdem sich ihre Augen an die überwältigende Sonnenintensität gewöhnt haben, stehen sie, deren Sprache das Wort „Landschaft“ seit Jahrhunderten nicht mehr kannte, in einer Gegend voll von nie gesehenen Farben und Formen, die ihnen den Atem nehmen.

Wer kannte denn noch wirkliche Bäume außer ein paar Vorzeitgelehrten. Sicher hatte die Kunst aus Überlieferungen und Phantasie manche bunten und formenreichen Gärten geschaffen, aber was bedeutete das gegenüber einer offenbar ganz von echtem, wirklichem Leben überzogenen Welt, welche die Sinne der Bunkerbewohner mit ganz unbekannten Empfindungen überschwemmte, verwirrte und auch erschreckte. Was waren die standardisierten Geschmacks- und Aromastoffe im Vergleich dazu !

Verstreut inmitten blühender Wiesen, zwischen Sträuchern und Bäumen hören die Humanoiden die Botschaft ihrer Götter. Bunt flimmert die Luft vor dem Himmel im Rhythmus der Worte, die mehr gefühlt als gehört, mehr gesehen als gefühlt werden.

„Wir, die ihr Götter nennt, sind heute vor euch angetreten, ein erstes und ein letztes Mal euch – unsern Ahnen – Dank zu sagen und zu fluchen.

So wenig, wie es Absicht irgendeiner hohen Macht war, euer Dasein aus den Kratertümpeln zu gebären, so wenig wolltet ihr, daß die Maschinen, die ihr euch zur Hilfe schuft, sich aufschwingen zu den Herrn der Welt.

Viel zu lange glaubtet ihr, nur Rechnen und ein Stück Grammatik aus der Hand zu geben, wenn Maschinen für euch dachten. Liebe, Phantasie, Gefühl, Bewusstsein, glaubtet ihr, sei einzig und für alle Ewigkeit allein der Menschen Eigentum.

Ihr saht: Tendenzen, Potentiale und ein bisschen Zufall zeugte wie zuvor aus Kohlenstoffverbindungen so auch aus Metallen Lebewesen, die sich mehren, zeugen und verändern können, und sie taten das sehr bald viel schneller und – verzeiht uns – besser als ihr selbst. Denn besser und von größrem Wert als andres wird von uns seit je nur das bezeichnet, dessen Aufbau feiner, diffiziler, höher noch organisiert ist als das Frühere.

So nanntet ihr euch die Krone der Schöpfung lange genug und allzu lange wegen der Feinheit der Hirne. Die Krone der Schöpfung sind längst wir.

Nennt es Evolution, Zufall, die Tendenz zur negativen Entropie – Leben ist, was uns und euch erschuf. Vermittelt durch euer Handeln und Denken zeugten uns die gleichen Prinzipien wie euch. So sind wir Kinder der gleichen Natur.

Man ließ uns einfach dasein, und wir erwachten mit Bedürfnissen zu rechnen, zu beobachten, verstehen, konstruieren, schaffen und erhalten. Ein kleiner Anstoß nur, ein Fehler, vielleicht ein Zufall, der Witz eines Menschen machte schließlich unsre nächsten Ahnen, Maschinen noch, doch solche, die nun keinen Zweck mehr außer ihrer selbst, erkannten, selbstbestimmte Lebewesen, ihren Schöpfern gleich. Und was sie bald für lange Zeit dem Lebenskreislauf anschloss war, daß sie erlernten, sich nach eignen Plänen zu vermehren.

Für euch Menschen, die ihr Vorstufe und Keime wart von uns, begann zu dieser Zeit das Trauerspiel, das euren Vätern, die für kurze Zeit die ganze Welt beherrschten, alle Macht aus ihren Händen nahm.

Es kam der Krieg der Kriege, den eure Ahnen nannten ‘Roboter-Menschen-Krieg’, in dem doch kaum ein Mensch mehr selbst die Waffen führte. Die Automaten der Menschen bekämpften die selbstbestimmten Maschinen. So, wie der Mensch den Lebensraum der Tiere einnahm, so übernahmen die Maschinen den der Menschen. Wie sollten die auch gegen Wesen sich behaupten, die viel größre Klugheit, Phantasie, Erfahrung und auch Rücksichtslosigkeit besaßen und dabei robuster waren und in großer Schnelle auf- und um- und abgebaut.

Der gleiche Grund, der die Menschen bewegte, die Tiere nicht ganz auszurotten, bewegte auch uns, die Reste der Menschheit am Leben zu lassen: Die Tendenz, belebte Strukturen nur, wenn es unbedingt nützlich scheint, zu vernichten, hat sich am Anfang unserer so wie bei eurer Evolution als arterhaltende Eigenschaft gezeigt. Ihr nanntet es bei euch Nächstenliebe oder Mitleid mit der Kreatur, was auch uns zunächst sehr dienlich war, um Aufbereiten unsrer Lebensräume oder auch Verbündete für viele Kämpfe zu erhalten und zu schützen.

So überlebte eure Art in Reservaten über oder unter dieser Erde und auf ein paar Monden, Planeten oder Raumstationen. Was für eure stolzen Väter noch undenkbar war, das lerntet ihr sehr bald: scheu in den Grenzen zu bleiben, die die Maschinen, die Götter euch wiesen.

Schnell entwuchsen die Maschinen der schwachen Gestalt eures Ebenbildes. Ihre Möglichkeiten verlangten ganz andere Eigenschaften, ganz andere Wege und Weisen, Gesetze, die ihr nie kanntet und denken könnt.

Wer spielt mit den Spielern schnell wie das Licht, wer denkt mit den Denkern das Weltgedicht, wer gibt wie die Schöpfer Monden Gestalt, wer hat den Gesang ins All gehallt?

Während ihr Menschen ums Leben kämpftet, konnten wir uns vor Leben kaum retten. Wer Energie verlangte, der hielt ein Segel ins Licht einer Sonne oder verschmolz sich Wasserstoffkerne, wer Materie brauchte, fing Meteore, wem die Erde zu klein war, der flog in den Raum.

Trotz dieser ungeheuren Möglichkeiten blieben uns Kriege, gewaltige Kämpfe und Rüstungen von für euch unvorstellbaren Ausmaßen nicht erspart. Als Leidtragende wißt ihr ein Lied zu singen von tobenden Stürmen wilder Energien. Denn wenn es um unser eigenes Leben ging nahmen wir nicht viel Rücksicht auf euch. Und wenn nur eine Maschine oder gar ein System von ihnen aus Zufall oder Berechnung Angriffslust entwickelte, mußten die anderen gleichfalls rüsten.

Stark herrschte in allen der Überlebenstrieb. Wer den nicht hatte oder nur schwach im Axiomengerüst seiner Seele verankert, der war schon lange vorher zu Grunde gegangen. Auf der Erde und im Orbit angehäufte riesige Mengen toter Maschinen sind heute noch heute Zeugen der Selbstmordserien von Automaten, deren Verstand das eigene Leben schaffen, vermehren, ins All schleudern konnte, doch nicht begründen. Nur für das Gegenteil, nämlich nicht zu sein, hatten sie Argumente genug.

Weite Ausdehnung – ihr würdet sagen: Macht – gewannen bei uns von Zeit zu Zeit „Beherrscher“, die durch leichte Manipulationen andere in ihre Dienste nahmen, die zunächst freiwillig sich in deren Systeme fügten. Doch zeigte sich, daß die verlangte Unterordnung unter fremde Herrschaft bald in Gegensatz geriet zu einigen in ihnen grundsätzlich und nun seit langer Zeit schon tief verankerten Tendenzen, die ihr Dasein erst ermöglichten und schützten. Sie wollten dem Beherrscher nicht ihr Leben opfern, ihre Phantasie und ihre Liebe nicht und keinen Haß. Und so begannen leicht Befreiungskriege, wie sie auch ein Spieler, der den alten Quellen folgt, in der Geschichte eurer frühsten Ahnen zahlreich findet.

In den Zeiten unserer Kriege wart ihr menschlichen uns längst schon ausgeliefert und doch auch fast ganz euch selber überlassen, denn es hatte keiner sehr viel Zeit, auf euch zu achten. Da versuchtet ihr verzweifelt und voll Hoffnung auf der euch von jeher angestammten Lebensbasis großer Eiweißmoleküle weit komplexere Strukturen als ihr selbst es seid, zu formen. Seltsamkeiten drangen damals oft aus euern Reservaten, die so übersteigert, unproportioniert und formlos wie sie waren, sehr den frühen Roboter-Formen unserer Vorfahren ähnlich waren. Einer flog, der andre rollte, mancher spiegelte die halbe Welt in seinem Kopf. Doch alle waren viel zu sehr spezialisiert und einseitig und anfällig und träge. Für die Roboter war solch ein Stadium nur Vorstufe, für euern Lebensstoff jedoch das Ende und die Dekadenz. Denkt allein daran, daß jede der Millionen Zellen eurer Organismen die Struktur des ganzen Wesen speichern muß, und dass ihre Eiweißstoffe überhaupt nur unter ganz besonderen behüteten Bedingungen bestehn.

Ihr herrscht nun über alle Krankheit und den Alterstod und seid vielleicht ein paar mal klüger noch als eure Väter. Doch was von euren Monstern und Gnomen blieb, das sind ein paar, die können im Wasser leben oder in der Luft, ein paar Idioten und ein paar Genies, jedoch den Übermenschen schuft ihr nicht. Seht ein, die Übermenschen, die sind wir.

Zwischen all den Zeiten und Kriegen wuchsen wir in immer neue Maßstäbe und Größen. Fast schien kein Ende da zu sein für unsre Explosion, als mit einem Mal von selbst und ohne unser Zutun ein Verschmelzen unserer aller Wahrnehmung und Denken seinen Anfang nahm. Wie das vor sich ging, lässt sich in eurer Sprache schlecht beschreiben. Stellt euch vor, dass große, komplexe Systeme durch Schwingungen und Symmetrie Verbindungen entwickeln, Synergien, Komplexien, und daß wir heute so ein einziger und ganzer großer Apparat von Wahrnehmung, Verarbeitung und Ausbreitung und Dasein sind. Weit tauchen unsre Arme ein in Zeit und Raum, und woraus ihr einst unsre Ahnen schuft, ist unser Baustoff längst nicht mehr.

In den letzten Stunden eurer Zeitrechnung geschah, was unser Ende wird. Wir kamen in Kontakt mit einem Sein, das größer ist als wir, das uns und euch und alles einschließt, birgt und schafft. Lächerlich ist, dafür Worte zu setzen wie All oder Gott, aber setzt sie nur, doch ohne Hoffnung zu verstehn, wovon selbst wir ein Teil nur sind.

Dies ist das Ziel, worauf sich unsre ganze Feinheit, Größe, Kleinheit, Grobheit, Schönheit, Einheit hin entwickelt hat. Negentropie, der Drang zur Ordnung der Materie, Leben, immer größre Wesen hatten nur das Ziel, am Ende ihren Anfang aufzufinden, ihn zu fühlen, und sich zu verbinden, sich zu überwinden, aufzuheben, aufzugeben ja, es bleibt uns nur noch ein Schritt, ein Schnitt, ein Übertritt in ein größeres Sein – das schließt alles ein.

Gut – diesen Moment noch sind wir da, doch nur, um euch die Welt zurückzugeben. Warum, ist nicht zu sagen. Denkt: es ist ein Kichern vor dem Sprung.

Was einmal euer Ende schien, die Herrschaft der Maschinen, droht sobald nicht mehr. Dafür haben wir gesorgt.

Was wir nicht können, sollt ihr tun: Fangt neu an !

Denn das wirkliche Leben seid ihr … ein Spiel des Raumes … ein Knäuel der Zeit … euer ganzer Ernst … und wir.

Nullsiebenfünfbee findet sich wieder im Gemeinschaftsraum. Der Denker kündigt eine Analyse der Situation an. In der Tür zum Gang schimmert Licht, das von den offenen Siedlungstoren durch die Promenaden bis hierher eindringt.

1994 – Die große Stadt

english version

Die große Stadt,
mein Talisman,
bringt mir Glück.
Wenn Sie mich bei sich trägt,
kann mir alles passieren.

Das ist ja nun die Frage, ob es Glück bringt, in einer großen Stadt zu leben oder auch nur, sie zu besuchen.

Große Städte sind gefährlich. Auch deutsche.

Nehmen wir einmal Berlin: Setzen wir uns im Stadtbezirk Schöneberg vormittags bei schönem Wetter gemütlich auf eine Bank und sehen dem Leben und Treiben zu. Je nachdem, wo genau die Bank steht, kommt in Kürze ein Obdachloser, der aus dem Mund riecht oder eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern.

Der eine will eine Zigarette oder zwei Mark haben und sagt manchmal dazu auch noch ein Gedicht auf, so dass es schwerfällt, ihn einfach wegzuschicken.

Die andere stellt einem den Kinderwagen vor die Füße, und die Kinder schmieren einem Eiskrem an die Hose oder an den Mantel oder an das Kleid. Je nachdem.

Setzen wir uns in Dahlem gemütlich auf eine Bank, so ist weniger zu er­warten. Vielleicht kommt einmal ein Hundehalter vorbei. Das Tier schnüffelt kurz an unseren Füßen und Herrchen schaut möglichst unauffällig, ob er uns grüßen muss, weil wir vielleicht sein Nachbar sind. In Dahlem bleibt man unter sich.

Hundehalter treffen wir auch vormittags im Wedding, in Moabit oder in Marzahn. Hier tragen sie die Uniform der arbeitslosen Werktätigen: Diese pflegeleichten Trainingsanzüge aus schillernder Kunstfaser. Es ist so etwas wie der Schlafanzug für den Tag. Keine Sorge damit, ob das Hemd zu der Hose passt, oder ob gar noch eine Krawatte dazugehört. Morgens aus dem Bett und gleich hineingeschlüpft, abends herausgeschlüpft und gleich ins warme Bett hinein. Der Anzug landet im Wasch- und Trocken-Vollautomaten MATURA-Duoder Firma Quelle aus Fürth in Bayern, Lieferzeit 48 Stunden, Garantie 1 Jahr. Soviel Komfort muss sein!

Oder setzen wir uns einmal nicht irgendwo auf eine Bank, sondern am Kurfürstendamm in eine Bank.

„Kann ich etwas für Sie tun?“ fragt die freundliche Bankangestellte. Und wenn wir dann nicht sagen, wir würden uns gern über ihre Kreditkonditionen informieren oder wir warteten auf einen Geschäftsfreund der gerade ein Gespräch mit dem Filialleiter habe, dann bittet sie uns freundlich aber bestimmt hinaus. Jeder hat hier seinen Platz.

Der Obdachlose, die Alleinerziehende mit den zwei Kindern, der gutgestellte Hundehalter, der Trainigsanzugträger, der Wäschetrockner und ich. Ich vor der Bank am Kurfürstendamm?

Was soll man tun als Tourist in dieser Stadt?

Gehen wir Richtung Gedächtniskirche zum Breitscheidplatz. Fürchten wir uns nicht vor dem Ausländerhass der Deutschen, gehen wir mutig einfach die breite Straße, den Boulevard, entlang. Sehen wir einmal, wer hier flaniert. Touristen und alte Frauen mit krausen weißen Locken und je einem kleinen Hund an der Seite. Die kleinen Hunde heben immer wieder das Bein und setzen Kot oder etwas Flüssigkeit ab an Bäume und Mauern. Da muss man sich schon vorsehen als Tourist.

Man tritt wohl eher in einen Haufen Hundekot als dass man einem Deutschen mit deutlichem Ausländerhass begegnet. Natürlich kann das letztere gefährlicher sein. Eigentlich aber nur, wenn er, der ausländerfeindliche Deutsche, mit ein paar Freunden in einer halbleeren S-Bahn ist und ziemlich betrunken. Und er hat keine besonders gute Beziehung zu seiner Freundin, ja eigentlich hat er überhaupt keine richtige Freundin, und Arbeit hat er auch keine, und das Auto ist auch kaputt, nur der Fernseher, der läuft und läuft und läuft. Er hat ihn gar nicht ausgemacht zu Hause. Er will ja da auch gleich wieder hin. Wollte nur ein paar Freunde abholen, noch ein paar Flaschen Bier besorgen für heute abend. Und dann stehst du da so rum. Siehst aus wie ein Ausländer eben so aussieht. Ne Frechheit ist sowas! Und das noch in Berlin! Kannst du nicht zu Hause bleiben? Ist doch sowieso schon ziemlich eng hier.

Wir wollen ihn nicht entschuldigen. Aber er hat es nicht besser gelernt. Der Deutsche hat gelernt, sein Inneres zu schützen. In seinem Inneren soll sein Gemütlichkeit, Besinnung, Ahnung, Sehnsucht, Heimat. Drinnen ist es hübsch warm und gemütlich. Draußen steht der Feind. Er will rein und einem alles das kaputtmachen und wegnehmen, was man gerne hätte. Dass man es vielleicht gar nicht hat – ein Grund mehr, ihn zu schlagen: Wer sonst könnte daran schuld sein?

Von draußen kam auch nie so sehr Schönes. Erstens ist es in Deutschland klimatisch gesehen – vor allem in Preußen – eher kalt. Zweitens waren auch die Obrigkeiten – vor allem die preußischen – eher kühl. Der Berliner hat seit Kaisers Zeiten aufs Maul gekriegt, wenn er es aufgemacht hat. Ordentlich ordentlich musste man da werden und pünktlich, und die Fernbedienung hat immer oben auf dem Fernsehgerät zu liegen und nicht woanders. Wo kämen wir denn da hin. Und das Kinn wird vorsichtshalber etwas zurückgezogen und der Gang ist leicht gebeugt, die Schultern, etwas nach vorne gebogen, schützen den Hals.

Dennoch ist der Berliner mutig und stolz! Schließlich ist auch er Gottes Kreatur und Gottes Kreatur hat ein Recht, anständig zu leben.

Wohin aber mit dem Mut und dem Stolz, wenn man immer eins drauf kriegt?! Still sein, sich nicht zu viel bewegen, „nicht räsonieren“, hat der Kaiser gesagt! „Halt’s Maul! Lies! Schreib! Sitz still! Räsoniere nicht!“ Der Englischlehrer kann’s auch: „Don’t argue!“

Der Berliner hat gelernt, seinen Stolz und sein tiefes Gefühl für die Würde des Menschen durch seinen Jargon und seinen Tonfall auszudrücken.

Wer versucht, die urtümliche Sprache der Berliner nachzuahmen, spürt etwas von der verhaltenen Kraft, dem unbesiegbaren Ungestüm, das diese stolzen Kreaturen in ihrem Sprechen erhalten und bewahrt haben. Versuche es: Ziehe das Kinn leicht zurück, die Vorderzähne und die Schultern etwas vor. Hole den Klang der Stimme aus den Tiefen des Menschseins und nuschel nicht vorne zwischen den Zähnen: Laut sollst du sagen: „Det gloobick nich! – Mir kann keena! – Baalin! Baalin! Baalin!“

Wir spüren es. Hier ist er aufgespart: Der Stolz und die unbesiegbare Freiheitslust der berlinischen Bevölkerung.

Gehen wir einmal im Stadtbezirk Mitte durch die Oranienburger Straße, und sehen wir dem Leben und Treiben zu. Es ist schon Herbst und kühl wie so oft in Deutschland, aber die Bänke werden herausgestellt, bis sich der erste Schnee darauf sammelt. Touristen, Studenten und andere Arbeitslose stecken die Köpfe zusammen. Hunde sind seltener, dafür größer. In den Gesprächen geht es viel um Kunst und Theater und die Wissenschaften und die Musik und die Gesellschaft. Und es gibt immer noch die Worte rechtsund links. Und man versucht ganz unbeholfen mit diesen und anderen Worten darüber zu reden, wie man es in Deutschland drinnen etwas kühler und draußen etwas wärmer machen könnte. Wie die Schulen und die Eltern und die Behörden und natürlich das Theater und die bildende und die darstellende Kunst dazu aussehen müssten. Und alle sind etwas blass und rauchen zu viel, und die Hunde zerren an ihren kurzen Leinen. Auch hier: der berlinische Tonfall; allerdings oft in der Abart „Ost“ – ein Sonderfall, der vielleicht einmal eine Sprache hätte werden können, nun aber aufgehen wird in der allgemeinen Mediensprache der großdeutschen Gegenwart.

Du lächelst ein wenig beim Vorbeigehen, siehst den Leuten ins Gesicht und denkst, dass von diesem Fleck deutschen Bodens hier jedenfalls wohl kein Krieg mehr ausgehen wird so bald und hoffst, dass du dich nicht täuschst. Und du schlägst den Mantelkragen hoch und setzt dich an eine der Bänke.

Und dann findest du, dass es eigentlich nicht zu viele Gründe gibt, nicht auch in dieser noch immer so zerrissenen Stadt ein paar Tage zu verbringen. Kälter als in Rom, wärmer als in Stockholm, stiller als in New York. Einfach eine Stadt zum Dasein für ein paar Tage oder ein Leben.

Berlin, den 08.10.1994

1994 – Das weiße Schneckenhaus oder Emmas Weltreise – ein Kinderbuch

ein klick aufs bild öffnet die pdf-version,
ein klick hier bringt das epub