eigene prosa

1994 – Die große Stadt

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Die große Stadt,
mein Talisman,
bringt mir Glück.
Wenn Sie mich bei sich trägt,
kann mir alles passieren.

Das ist ja nun die Frage, ob es Glück bringt, in einer großen Stadt zu leben oder auch nur, sie zu besuchen.

Große Städte sind gefährlich. Auch deutsche.

Nehmen wir einmal Berlin: Setzen wir uns im Stadtbezirk Schöneberg vormittags bei schönem Wetter gemütlich auf eine Bank und sehen dem Leben und Treiben zu. Je nachdem, wo genau die Bank steht, kommt in Kürze ein Obdachloser, der aus dem Mund riecht oder eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern.

Der eine will eine Zigarette oder zwei Mark haben und sagt manchmal dazu auch noch ein Gedicht auf, so dass es schwerfällt, ihn einfach wegzuschicken.

Die andere stellt einem den Kinderwagen vor die Füße, und die Kinder schmieren einem Eiskrem an die Hose oder an den Mantel oder an das Kleid. Je nachdem.

Setzen wir uns in Dahlem gemütlich auf eine Bank, so ist weniger zu er­warten. Vielleicht kommt einmal ein Hundehalter vorbei. Das Tier schnüffelt kurz an unseren Füßen und Herrchen schaut möglichst unauffällig, ob er uns grüßen muss, weil wir vielleicht sein Nachbar sind. In Dahlem bleibt man unter sich.

Hundehalter treffen wir auch vormittags im Wedding, in Moabit oder in Marzahn. Hier tragen sie die Uniform der arbeitslosen Werktätigen: Diese pflegeleichten Trainingsanzüge aus schillernder Kunstfaser. Es ist so etwas wie der Schlafanzug für den Tag. Keine Sorge damit, ob das Hemd zu der Hose passt, oder ob gar noch eine Krawatte dazugehört. Morgens aus dem Bett und gleich hineingeschlüpft, abends herausgeschlüpft und gleich ins warme Bett hinein. Der Anzug landet im Wasch- und Trocken-Vollautomaten MATURA-Duoder Firma Quelle aus Fürth in Bayern, Lieferzeit 48 Stunden, Garantie 1 Jahr. Soviel Komfort muss sein!

Oder setzen wir uns einmal nicht irgendwo auf eine Bank, sondern am Kurfürstendamm in eine Bank.

„Kann ich etwas für Sie tun?“ fragt die freundliche Bankangestellte. Und wenn wir dann nicht sagen, wir würden uns gern über ihre Kreditkonditionen informieren oder wir warteten auf einen Geschäftsfreund der gerade ein Gespräch mit dem Filialleiter habe, dann bittet sie uns freundlich aber bestimmt hinaus. Jeder hat hier seinen Platz.

Der Obdachlose, die Alleinerziehende mit den zwei Kindern, der gutgestellte Hundehalter, der Trainigsanzugträger, der Wäschetrockner und ich. Ich vor der Bank am Kurfürstendamm?

Was soll man tun als Tourist in dieser Stadt?

Gehen wir Richtung Gedächtniskirche zum Breitscheidplatz. Fürchten wir uns nicht vor dem Ausländerhass der Deutschen, gehen wir mutig einfach die breite Straße, den Boulevard, entlang. Sehen wir einmal, wer hier flaniert. Touristen und alte Frauen mit krausen weißen Locken und je einem kleinen Hund an der Seite. Die kleinen Hunde heben immer wieder das Bein und setzen Kot oder etwas Flüssigkeit ab an Bäume und Mauern. Da muss man sich schon vorsehen als Tourist.

Man tritt wohl eher in einen Haufen Hundekot als dass man einem Deutschen mit deutlichem Ausländerhass begegnet. Natürlich kann das letztere gefährlicher sein. Eigentlich aber nur, wenn er, der ausländerfeindliche Deutsche, mit ein paar Freunden in einer halbleeren S-Bahn ist und ziemlich betrunken. Und er hat keine besonders gute Beziehung zu seiner Freundin, ja eigentlich hat er überhaupt keine richtige Freundin, und Arbeit hat er auch keine, und das Auto ist auch kaputt, nur der Fernseher, der läuft und läuft und läuft. Er hat ihn gar nicht ausgemacht zu Hause. Er will ja da auch gleich wieder hin. Wollte nur ein paar Freunde abholen, noch ein paar Flaschen Bier besorgen für heute abend. Und dann stehst du da so rum. Siehst aus wie ein Ausländer eben so aussieht. Ne Frechheit ist sowas! Und das noch in Berlin! Kannst du nicht zu Hause bleiben? Ist doch sowieso schon ziemlich eng hier.

Wir wollen ihn nicht entschuldigen. Aber er hat es nicht besser gelernt. Der Deutsche hat gelernt, sein Inneres zu schützen. In seinem Inneren soll sein Gemütlichkeit, Besinnung, Ahnung, Sehnsucht, Heimat. Drinnen ist es hübsch warm und gemütlich. Draußen steht der Feind. Er will rein und einem alles das kaputtmachen und wegnehmen, was man gerne hätte. Dass man es vielleicht gar nicht hat – ein Grund mehr, ihn zu schlagen: Wer sonst könnte daran schuld sein?

Von draußen kam auch nie so sehr Schönes. Erstens ist es in Deutschland klimatisch gesehen – vor allem in Preußen – eher kalt. Zweitens waren auch die Obrigkeiten – vor allem die preußischen – eher kühl. Der Berliner hat seit Kaisers Zeiten aufs Maul gekriegt, wenn er es aufgemacht hat. Ordentlich ordentlich musste man da werden und pünktlich, und die Fernbedienung hat immer oben auf dem Fernsehgerät zu liegen und nicht woanders. Wo kämen wir denn da hin. Und das Kinn wird vorsichtshalber etwas zurückgezogen und der Gang ist leicht gebeugt, die Schultern, etwas nach vorne gebogen, schützen den Hals.

Dennoch ist der Berliner mutig und stolz! Schließlich ist auch er Gottes Kreatur und Gottes Kreatur hat ein Recht, anständig zu leben.

Wohin aber mit dem Mut und dem Stolz, wenn man immer eins drauf kriegt?! Still sein, sich nicht zu viel bewegen, „nicht räsonieren“, hat der Kaiser gesagt! „Halt’s Maul! Lies! Schreib! Sitz still! Räsoniere nicht!“ Der Englischlehrer kann’s auch: „Don’t argue!“

Der Berliner hat gelernt, seinen Stolz und sein tiefes Gefühl für die Würde des Menschen durch seinen Jargon und seinen Tonfall auszudrücken.

Wer versucht, die urtümliche Sprache der Berliner nachzuahmen, spürt etwas von der verhaltenen Kraft, dem unbesiegbaren Ungestüm, das diese stolzen Kreaturen in ihrem Sprechen erhalten und bewahrt haben. Versuche es: Ziehe das Kinn leicht zurück, die Vorderzähne und die Schultern etwas vor. Hole den Klang der Stimme aus den Tiefen des Menschseins und nuschel nicht vorne zwischen den Zähnen: Laut sollst du sagen: „Det gloobick nich! – Mir kann keena! – Baalin! Baalin! Baalin!“

Wir spüren es. Hier ist er aufgespart: Der Stolz und die unbesiegbare Freiheitslust der berlinischen Bevölkerung.

Gehen wir einmal im Stadtbezirk Mitte durch die Oranienburger Straße, und sehen wir dem Leben und Treiben zu. Es ist schon Herbst und kühl wie so oft in Deutschland, aber die Bänke werden herausgestellt, bis sich der erste Schnee darauf sammelt. Touristen, Studenten und andere Arbeitslose stecken die Köpfe zusammen. Hunde sind seltener, dafür größer. In den Gesprächen geht es viel um Kunst und Theater und die Wissenschaften und die Musik und die Gesellschaft. Und es gibt immer noch die Worte rechtsund links. Und man versucht ganz unbeholfen mit diesen und anderen Worten darüber zu reden, wie man es in Deutschland drinnen etwas kühler und draußen etwas wärmer machen könnte. Wie die Schulen und die Eltern und die Behörden und natürlich das Theater und die bildende und die darstellende Kunst dazu aussehen müssten. Und alle sind etwas blass und rauchen zu viel, und die Hunde zerren an ihren kurzen Leinen. Auch hier: der berlinische Tonfall; allerdings oft in der Abart „Ost“ – ein Sonderfall, der vielleicht einmal eine Sprache hätte werden können, nun aber aufgehen wird in der allgemeinen Mediensprache der großdeutschen Gegenwart.

Du lächelst ein wenig beim Vorbeigehen, siehst den Leuten ins Gesicht und denkst, dass von diesem Fleck deutschen Bodens hier jedenfalls wohl kein Krieg mehr ausgehen wird so bald und hoffst, dass du dich nicht täuschst. Und du schlägst den Mantelkragen hoch und setzt dich an eine der Bänke.

Und dann findest du, dass es eigentlich nicht zu viele Gründe gibt, nicht auch in dieser noch immer so zerrissenen Stadt ein paar Tage zu verbringen. Kälter als in Rom, wärmer als in Stockholm, stiller als in New York. Einfach eine Stadt zum Dasein für ein paar Tage oder ein Leben.

Berlin, den 08.10.1994

1994 – Das weiße Schneckenhaus oder Emmas Weltreise – ein Kinderbuch

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