Texte

Licht

In Momenten, wo ich zu mir selber finde, lande ich immer wieder einmal in der Sphäre meiner Großmutter. Ich atme die Luft Ihrer Wohnung und ihres Lebens. Sie spielt eine viel bedeutendere Rolle in meiner Vergangenheit, als ich es bisher wusste. Mein letztes Bild von ihr: ihre Hand in meiner, ein flackerndes Augenlicht, und die Frage, warum ihr noch immer nicht die Erlösung geschenkt wurde nach so viel Schmerzen und Verzweiflung und Nicht-mehr-Wollen.

Gestern fand ich im Sonnenlicht auf den Fußbodenleisten einen Geschmack, der mich an ihr Leben erinnerte. Ich sah in Ihrer Wohnung, wo ich oft war,  das helle Licht, und ich wusste: es war nicht erwünscht. Es war ein Störenfried, weil es von einem Glück und einer Freiheit kündete, der meine Großmutter abgeschworen hatte. Ich selber habe Schwierigkeit ganz ja zu sagen zum strahlenden Licht der Sonne, zum Glück, zum offenen Leben. Weil es dort nicht hatte leben dürfen. Meine Großmutter hatte die Quelle verstopft aus übergroßem Leid. Herbert, der Mann ihrer vier Kinder war gefallen. Sie war allein zurückgeblieben, und alle Träume vom schönen Leben waren mit dem Kriegsende zerplatzt. Wahnsinnig konnte man da werden oder alles totmachen, was bisher Leben war. Ein Teil der Verwandtschaft war konsequent gewesen. Ein Haus voller Frauen und Kinder brannte ab. Verkohlte Leichen müssen nicht mehr kämpfen. Wer weiter lebt, nimmt sich trotzdem das Leben, weil das versprochene Leben nicht mehr existiert. Und für ein neues ist man nicht ausgerüstet. Es gibt ja nur noch Angst und Dreck und Verzweiflung und irgendwo hinter den Kirchenstühlen den lieben Gott. Und auch er ist so bedrohlich, dass man immer das Wort „lieb“ vor seinen Namen setzen muss, um sich seiner Güte zu versichern.

Und sicher hatten meine Eltern von diesem Giftwasser getrunken. Richtig wild glücklich sein war nicht erlaubt. Das überwältigende Glück war nicht vorhanden. Man hatte schon den Wunsch danach sich abgeschnitten.

Aber.

Es gab da etwas, was meine Großmutter und meine Eltern mir übermittelt haben. Etwas wunderschönes. Etwas starkes und mutiges. Es ist der Satz: Gib nie auf. Finde, was wir verstecken mussten. Lass es dir von keinem ausreden, auch nicht von uns. Glaube daran! Es gibt es. Das wirkliche Glück. Die Freiheit. Das explodierende Licht des schönen Lebens. Der Krieg hat es uns aus den Gedärmen gerissen. Aber du. Unser Sohn. Du sollst es finden und darfst es finden. Und wenn du es hast, lebe es für uns dreifach und vierfach. Für deine Mutter und deinen Vater und für dessen Mutter und deren Mann, der im Krieg fiel. Gib nie auf. Lass dir von niemandem sagen, das gebe es nicht, auch nicht von uns. Glaube daran. Wir wissen es, denn wir haben es versteckt.

Ich bin dankbar und jetzt, mit 46 Jahren, finde ich es manchmal. Das Glück. In der Erinnerung an das strahlende Sonnelicht auf den Fußbodenleisten der Wohnung meiner Großmutter.

Thomas Propp, 2001